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Samstag, 17. Januar 2015

"Unsere Träume, unsere Sehnsüchte und bunten Hoffnungen..."

"... wollen ernst und wichtig genommen werden. Wer sie verdrängt, unterdrückt das Beste in sich und wird ein leerer Mensch..."

Es ist an der Zeit, dass ich ich etwas über meinen Traum erzähle, warum ich ihn am Ende zwar erfüllen konnte aber anders als gedacht. Dazu muss ich etwas ausholen, also ist jetzt die beste Gelegenheit noch einmal auf Toilette zu gehen oder sich etwas zu trinken zu holen... :-)

Noch bevor ich meine fliegerische Karriere Ende 2011 in Gang setzte, hatte ich Emirates im Kopf. Bereits zu dieser Zeit hatte ich von Kollegen gehört, welch Prestige und Ruf die Airline im mittleren Osten genießt, das dort Fliegen noch wie früher zu Pan Am's Zeiten sein sollen, Dinge die ich heute mit anderen Augen sehe.
Aufgrund damaliger Lebensumstände bewarb ich mich bei der Germanwings, erwarb dort gewisse Zeit Erfahrung, lernte über die Fliegerei und die Veränderungen seit 2001, Sicherheitsbestimmungen und wie Passagiere wirklich denken.
Zu meinem eigenen Erstaunen machte mir dieser Beruf sehr viel Spaß. Ich bin sonst generell jemand, der auf der Hälfte direkt aufgibt, nicht wirklich daran interessiert ist best. Dinge bis zum Ende zu bringen, es gibt diverse Beispiele.
Trotzdem wusste ich, die Fliegerei wird von nun an immer ein Teil meines Leben sein und bleiben.
Mir wurde bei Beginn im Lufthansa Konzern gesagt, wer einmal in die Fliegerei kommt hat nur zwei Möglichkeiten: entweder man macht es der Reisekonditionen wegen und geht nach max. 6 Monaten (der Probezeit) wieder oder der Virus hat einen gepackt und man bleibt ein Leben lang dabei, egal wie das aussieht. Diesen Virus habe ich mir eingefangen, Reisevirus, Flugvirus, wie auch immer man ihn nennen mag.

Ich war eine Zeit sehr glücklich bei der Germanwings. Motzen und schimpfen gehört zu einem Job genau so dazu wie sich zu beklagen wie schlecht es einem doch manchmal geht, bei mir zumindest. Trotzdem wusste ich insgeheim, etwas fehlt. Ich hatte eine schöne kleine Wohnung, tolle Nachbarn, ein tolles Auto (welches auch einen Unfall überlebte) gesichertes Einkommen, tolle Reisekonditionen, was wollte ich mehr....
Mein damaliger Vertrag war auf 24 Monate befristet. Zum Ende hin wusste ich jedoch, ich bleibe hier nicht, zumindest erstmal nicht. Ich wollte etwas von der großen weiten Welt sehen, auf einem großen Flieger arbeiten mit mehr als 200 Plätzen, mehr als nur 4 Kollegen haben, heute hier und morgen dort sein, eben alle Klischees erfüllen.
Lufthansa stellte nicht ein, also bewarb ich mich bei zwei großen Airlines, Swiss und Emirates. Beide nahmen mich, ich entschied mich jedoch für den Riesen aus Dubai, ohne mir im Vorfeld wirklich klar zu machen, was ich da alles für aufgeben werde, was sich verändern wird und wie ich mich verändern werde.
Überglücklich und stolz es geschafft zu haben (es bewerben sich jährlich mehr als 100.000 Menschen bei Emirates und nur 5% bekommen die Stelle) organisierte ich alles, verkaufte das meiste und verließ schließlich Ende August 2013 die heimischen Gefilde, ließ meine Mutter nun ganz allein und meinen Freund auch.

Es schien anfangs wirklich wie der Traum. Alles war hochmodern, die gestellten Wohnungen, der meist gut funktionierende Bus Shuttle, das Training. Der Ton hier war jedoch nicht freundschaftlich sondern schon bestimmt, man musste in knapp 8 Wochen Training "nur" zwei Flugzeuge lernen (ein A380 mit zwei Decks sind direkt schon doppelte Arbeit), bestimmte Regeln einhalten und auch sonst erst einmal in einem islamischen Land zurecht kommen.

Dubai im Katalog, Reiseführer und TV wird immer als Metropole dargestellt, Luxus pur, Oase in mitten von Wüste... Alles wirkt auf den Touristen auch so, aber für die Leute die hier leben sieht es schon ganz anders aus. Hier geht dann langsam der negative Teil los.
Man sagt immer man soll nie schlecht über seinen Arbeitgeber reden, so werde ich dies auch nicht tun. Dennoch Dinge aufzählen die mich erschreckt haben, mit denen ich nicht klar gekommen bin und an die ich mich auch jetzt, nach gut 1,5 Jahren noch nicht gewöhnt habe...

Kurz zu Dubai und Umgebung. Das luxuriöse Leben, die Gebäude, alles gut und schön aber die Leute die es gebaut haben, an die denkt keiner. Der Burj Khalifa, das noch höchste Gebäude der Welt entstand über mehrere Jahre hinweg. Dabei, so sagt man, sind mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Nicht aufgrund von Selbstmorden, sondern nicht eingehaltenen oder nicht vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen oder schlicht weg durch sehr sehr schlechte Arbeitsbedingungen. Es wurden 24h Schichten gefahren, bei Ermüdung oder Resignation wurde der Arbeiter gegen einen neuen ausgetauscht, der Zulauf ist da. Denn hier, trotz schlimmer Bedingungen verdienen Menschen auf der Baustelle immer noch mehr als in ihrem Heimatland. So kommt es, dass meist nur Pakistanis und Bangladeschis auf Baustellen zu finden sind.

Genug von der Umgebung, zurück zu mir. Emirates fliegt zu 99% Ziele auf der Welt an, wo eine größere Population Inder wohnt. Der Erstflug 1988 ging nach Karachi, Pakistan. Der Schwerpunkt des Betriebs liegt also in dieser Richtung. Dementsprechend viele Menschen aus diesen Gefilden sind an Bord zu finden. Generell nicht so schlimm sagt man jetzt, wer aber einmal eine Strecke mit mehr Indern (diese stehen stellvertretend für Pakis, Bangladeschis und Co) als anderen Gästen geflogen ist, weiß wie schwer diese einem die Arbeit machen.
Von Beleidigungen, körperlichen Angriffen ist alles dabei. Das schlimme, es wird in der Firma immer so gedreht, dass man es selbst schuld ist.
Sollte man einem Gast nicht sofort den Wunsch von den Augen abgelesen haben, wird dieser sich über einen beschweren, man wird zum Management gerufen und muss sich verantworten.

Das klingt alles generell vielleicht etwas übertrieben, ist es aber nicht. Man kann auch solche Zustände aushalten, denn generell gilt, je mehr der Gast zahlt, desto ausgefallener werden seine Ansprüche und Beschwerden, man kann aber auch aus mehr Produkten schöpfen. In der Economy ist das schon relativ schwierig. Man soll sich hier zwar, laut Firma, auch immer ein Bein ausreissen aber wenn man eben nur noch ein Lamm Menü hat, kann man nicht mal eben zum Supermarkt um die Ecke um ein Hühnchen zu kaufen. Erwartet wird es allerdings...

Zurück zu meinem Traum. Mein Traum war es, Langstrecke zu fliegen, Gästen Weine in Gläsern anzubieten, mit richtigem Geschirr und Besteck den Tisch zu decken und sich auf Dauer quasi von unten nach oben zu arbeiten, von Economy, Business, First hin zu einer leitenden Führungskraft an Bord, so der Plan.
Langstrecke fliege ich überwiegend hier, das passt also schonmal. Ich arbeite hin und wieder in der Business Class, wenn mal wieder Not am Mann ist und die Crew Planung so schnell keinen Kollegen als Ersatz rausrufen kann. Nach oben arbeiten, das habe ich mir mittlerweile aus dem Kopf geschlagen. Ich hatte bereits auf einem 15h Flug von Sydney nach Dubai die Chance als SFS zu arbeiten (Senior Flight Steward), also in einer leitenden Position in der Economy Class. Es hat viel Spaß gemacht, die Verantwortung ist jedoch einfach zu hoch. Man ist für jeden Piep verantwortlich, sollte sich auch nur ein Gast beschweren ist es mein persönliches Problem. Auf 15h beschwert sich immer der ein oder andere, weil er auf sein Glas Wasser nun 5min warten musste...

Zurück zu den Arbeitsbedingungen. Als ich anfing war es noch nicht so drastisch, wie es sich in den letzten Monaten entwickelt hat. Die Firma wächst rasant, fast exponentiell. Pro Woche starten rund 100 neue Leute in Kursen. Es kommen pro Monat mindestens zwei neue Flugzeuge zur Flotte. Die Kehrseite: es kündigen wöchentlich 180 Leute, melden sich rund 800 Leute krank. Bei 22.000 Kollegen eine ernstzunehmende Zahl.
Aus diesem Grund gab es letzten Herbst eine Umfrage, was die Firma denn anders machen sollte, um die Leute zu halten.

Das Problem hier sind die Vorschriften im Aussehen und dem Verhalten, die man kaum erfüllen kann. Das Idealbild eines Flugbegleiter hier ist dünn, wenig Oberweite bei Frauen, perfekte Haut, keinen Makel in der Persönlichkeit, immer faltenlose Uniformteile... Die Liste geht endlos weiter. Man bekommt diese Standards an die Hand und kann versuchen sich so gut es geht dran zu halten. Da aber jeder einzelne SFS oder auch Purser (der Verantwortliche über Alles, direkt dem Kapitän unterstellt) seine eigenen Regeln aufstellt und erwartet, dass man sich daran hält auch wenn man sie nicht kennt, macht einem das Leben und vor allem die Arbeit wirklich schwer.
Es gibt kaum einen Flug, wo man einfach nur seinen Job machen kann, denn jeder hat immer etwas auseinander zu setzen. Es gibt kein "Danke", nur "warum ist das nicht so und so gemacht worden".

Auch das mag alles für den Außenstehenden noch leicht zu ertragen klingen. Ich füge noch zwei Punkte hinzu, die in der Mischung schwer auszuhalten sind für einen, der deutsches Arbeitsrecht gewohnt ist.
Der erste Punkt sind die vielen Nationalitäten in der Kabine, momentan rund 165. An sich eine super Sache, man lernt viel voneinander. Aber es gibt sehr oft Verständigungsprobleme, aufgrund der Herkunft. Es gab bereits Fälle, wo ich mir dachte, wenn es jetzt passiert, wenn jetzt der Flieger abstürzt dann wird es eine Katastrophe aus der keiner lebend rauskommt, einfach weil keine Kommunikation unter einander statt gefunden hat. Unter anderem liegt dies daran, dass viele Kollegen mit 21 (Mindestalter) direkt von der Schule kommen, ohne Lebenserfahrung und ohne Sinn eigene Entscheidungen treffen zu können... Bei einer A380 mit 510 Gästen an Bord braucht man aber eigenes Denken, da man sonst alleine gegen eine Wand rennt...

Der zweite Punkt der massiv ins Gewicht fällt ist die Legalität. Man spricht in der Fliegerei von Legalität, wenn es um Gesetzmäßigkeiten geht wie z.B. Flugzeiten und Ruhezeiten.
Ruhezeiten in Dubai sind ähnlich derer in Deutschland, allerdings macht es einen Unterschied ob ich nur 12h zwischen zwei Berlin/Zürich Flügen habe oder zwischen zwei Tokio/Los Angeles. Der Körper kommt da nicht mehr mit, allein vom Biorhythmus. So traf es bei mir letzten Februar zu, dass ich Montags Abends aus Australien zurück kam, dann Mittwochs morgens weiter nach München, Donnerstag Abend zurück in Dubai und Freitag mittag bereits nach New York. Das sind rund 15h Unterschied innerhalb von vier Tagen, in keinem Land zulässig, in den Emiraten sehr wohl erlaubt und gewünscht, weil man seine Crew so schneller benutzen kann, wer braucht denn schon Schlaf.

Diese Müdigkeit, in der Fliegerei Fatigue genannt, führt zu grober Fahrlässigkeit im Zusammenhang mit der Sicherheit an Bord. So kann es passieren, dass man aus Hektik und Erschöpfung eine Tür öffnen, die noch im Flugmodus ist, also deren Notruschte bei Öffnung sofort aufbläst. Ein Schaden für die Firma von rund 10.000$, die Verspätung durch den Austausch der Maschine nicht mit eingerechnet.
Man nimmt dieses Risiko jedoch lieber in Kauf, bevor man den Crews mehr Schlaf zuspricht...

Alle diese Punkte zusammen genommen bekommt man eine Mischung, der ich einfach nicht länger als notwenig ausgesetzt werden möchte. Der Verdienst hier ist schon super, keine Steuern zahlen, keine Wohnung, kein Auto. Auf der anderen Seite habe ich kein Privatleben. Ich schlafe die meiste Zeit wenn ich in Dubai bin, da ich einfach total fertig bin.
Aus diesen Punkten und noch vielen kleineren, die den Rahmen massiv sprengen würden, habe ich im Dezember die Entscheidung getroffen, mich vom Traum zu verabschieden und wieder ein geregelteres Leben in Deutschland zu suchen, ohne Langstrecke dafür mit Privatleben.
Ich genieße meine letzten Wochen hier. Natürlich ist die Langstrecke nach wie vor ein toller Weg etwas von der Welt zu sehen. Jedoch geht meine Gesundheit mittlerweile vor.
Ich nehme leichter zu als ab, was nicht am Alter liegen kann, noch nicht ;-)
Habe massiven Unrythmus im Schlafen...

Ich habe viel gelernt in meiner Zeit hier. Habe viele tolle Menschen kennen gelernt, u.a. eine tolle sehr gute Freundin an meiner Seite gehabt, die mir viel Heimweh erspart hat,  DANKE Ginny an dieser Stelle!
Ich konnte sehr viel sehen von der Welt, jetzt heißt es "I'm coming home". Ab April geht es bei der Germanwings wieder auf Kurzstrecke. Ich kann es kaum erwarten euch wieder zu sehen, freue mich auf das wechselhafte Wetter in Deutschland und keinen Sand mehr überall ;-)

Bevor es so weit ist, geht es am Dienstag erstmal noch nach Dublin, am Freitag nach Peking und am Montag drauf Johannesburg...